Begeisterte Bewunderung und tiefe Betroffenheit – so widersprüchliche Emotionen löste Barbara Lesciejewski anlässlich der Vorstellung ihres aktuellen Romanerfolgs „Am Meer ist es schön” bei ihren zahlreichen Zuhörern in der Stadtbücherei St. Ingbert aus.
Die Begeisterung rührte von der souveränen und fast bühnenreifen Vortragskunst der auf Einladung des Literaturforums aus München angereisten Autorin. Es passte einfach jedes Wort und jede Betonung. Die Betroffenheit resultierte aus den oft erschütternden Erfahrungen der jungen Hauptfigur in ihrem Buch. Denn im Auditorium konnten viele auf eigene Erfahrungen aus den sechziger Jahren mit dem Thema „Kinderverschickung” zurückblicken.
Am Meer sei es schön, versprechen die Eltern ihrer Tochter vor einem mehrwöchigen Kuraufenthalt an der Nordsee. Doch die achtjährige Susanne und die übrigen Kinder verbringen im „Haus Morgentau” die schlimmste Zeit ihres Lebens. Wer den Teller nicht vollständig leert, gegen Regeln verstößt oder sich anderweitig aufsässig zeigt, wird von den Erzieherinnen brutal bestraft. Ein Hilferuf an die Eltern ist unmöglich, denn die Briefe der Kinder werden kontrolliert und zensiert. Die Erfahrungen von Gewalt verfolgen auch Jahrzehnte später noch die Erwachsene, bis sie beschließt, sich endlich dem Trauma ihrer Kindheit zu stellen und ihr Leben in neue Bahnen zu lenken.
Jürgen Bost stellte in seiner Einführung die Autorin als Kind des Kuseler Landes vor, das es zum Studium der Literatur, Linguistik und Theaterwissenschaft nach München zog. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin und Synchroncutterin widmete sich Barbara Lesciejewski ganz dem Schreiben und veröffentlichte eine stolze Reihe von Romanen. Der ILF-Sprecher hob die sorgfältige Recherche, die einfühlsame Darstellung der Personen und die souveräne Entfaltung der auf zwei Zeitebenen angesiedelten Handlung hervor.
Das von ihm moderierte Publikumsgespräch widmete sich vor allem dem düsteren Thema der Kinderverschickung, einem großen Geschäft für eine vierstellige Zahl von Einrichtungen, in denen insgesamt etwa neun Millionen Kinder für jeweils mehrere Wochen untergebracht waren. Pillenknick und Wohlstandsgesellschaft bedeuteten schließlich das Aus. Doch wissenschaftliche Erforschung und öffentliche Wahrnehmung erfolgten erst sehr spät. Bei der Lesung war auch Jupp Feilen aus Völklingen anwesend. Er ist Landeskoordinator Saar für die Aufarbeitung dieses lange verdrängten Themas und konnte noch viel Interessantes über die „Röchlingkinder“ beitragen.
Foto: Sonja Colling-Bost







