igb.rundschau.saarland
Rundschau-HeaderAdd

R16 Die Inszenierung der Nation in den Monumentalgemälden des Saarbrücker Rathauszyklus

Die Rundschau St. Ingbert

Tief beeindruckt zeigten sich die Besucher in der Stadtbücherei St.Ingbert, als der

Archäologe, Historiker und Denkmalpfleger Simon Matzerath, der von 2016 bis 2024 an der

Spitze des Historischen Museums Saarbrücken stand und heute das Landesdenkmalamt

Saarland leitet, in einem Bildvortrag sein aktuelles Sachbuch vorstellte. Der im St. Ingberter

Conte Verlag erschienene Titel trägt den Titel “Inszenierung der Nation” und präsentiert den

lange verschollenen Gemäldezyklus Anton von Werners aus dem 1944 zerstörten

Altsaarbrücker Rathaus zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und zur Reichseinigung.

Im Zentrum einer Auseinandersetzung mit derartigen monumentalen Werken steht mit Recht

die Forderung nach einer kritischen Hinterfragung und klaren Analyse. Ihr wurde der

Referent des Abends mit seiner souveränen Präsentation voll gerecht. Matzerath stellte

eindrucksvoll dar, wie nach rund zehntausend investierten Arbeitsstunden diese durch

unsachgemäße Lagerung stark in Mitleidenschaft gezogenen Bildwerke in ihrer malerischen

Qualität wieder erlebbar gemacht werden konnten. Er schlug einen thematischen Bogen von

der Wiederentdeckung über die spektakuläre Live-Restaurierung und digitale Rekonstruktion

des verloren gegangenen Ratssaals bis hin zur Frage der künftigen Ausstellung dieser

hochwertigen historischen Zeugnisse. Es wurde klar erkennbar, dass die scheinbar so

authentische Historienmalerei des wilhelminischen Künstlerstars nie harmlos daherkommt,

sondern letztlich eine frühmoderne Inszenierung darstellt, erfüllt von patriotischem Geist,

aber frei von Blut und Tränen.

Im Spannungsfeld zwischen Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und deutsch-französischer

Freundschaft wurde deutlich, dass derart wichtige historische Quellen unverzichtbar sind,

wenn eine Gesellschaft bereit ist, hinter die glänzende Oberfläche nationalistischer

Monumente zu blicken und ihre demokratische Resilienz zu stärken. Ein Besucher der

Veranstaltung, der ehemalige saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt, brachte es

perfekt auf den Punkt: Ich bin Saarbrücker, Saarländer, Deutscher, Bürger unserer

Großregion – aber niemals Nationalist. Eine Überhöhung der eigenen Nation stifte zwar

kollektive Identität, führe letztlich aber immer zu Ausgrenzung, Konflikten und Krieg.

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte ILF-Sprecher Jürgen Bost dem Gast für den

brillanten Vortrag und dem Conte Verlag für die herausragende editorische Leistung. Er

kündigte drei weitere Veranstaltungen des Literaturforums an: Am 29. Oktober präsentiert

Ferdinand Knauß seinen Essayband “Der gelähmte Westen”, am 4. November geht es in

Kooperation mit der KEB Saarpfalz um Hermann Hesses Lebenswerk, und am 10.

November stellt Stefan Friedrich seinen Titel “Von der Cowboyband zur Bergkapelle” vor.

Bild: Sonja Colling-Bost

Frederik Hartmann

Die Rundschau St. Ingbert